Was habe ich gelernt? Halbzeit im Friedensdienst
In zwei Wochen sind sechs Monate und damit die Hälfte meines Friedensdienstes vorbei. Dazu fällt mir ein: Wow, das ging schnell! Die kurz bevorstehende Halbzeit macht mich nachdenklich. Was habe ich bis jetzt gelernt? Was gefällt mir, was finde ich nicht so gut? Was habe ich erfolgreich gemeistert und was eher nicht so toll?
- (Büro-)Arbeit
Ich wusste, dass mein Friedensdienst in Verdun viel Büroarbeit bedeutet. Und ich dachte, das ist okay für mich, sonst hätte ich die Stelle ja nicht angenommen! Mit der Zeit musste ich aber feststellen, dass das doch nicht so ganz zu mir passt, wie ich gedacht hatte. 35h pro Woche auf einem Stuhl vor meinem Laptop - das ist nichts für mich. Ich freue mich mittlerweile, wenn ich in der Eiseskälte Flyer verteilen darf, denn das heißt Bewegung! Dafür kann weder meine Organisation noch mein Projekt etwas, ich habe mich falsch eingeschätzt. Aber besser ich merke das während eines einjährigen Freiwilligendienstes und somit vor der Wahl meines Studiums/Berufes.
Ein bisschen schade finde ich bei meiner Arbeit, dass sie nicht sonderlich anspruchsvoll ist. Wenn man von den Bemühungen vollkommen verwirrende französische Texte von verwirrenden (oder verwirrten) Künstlern zu verstehen und zu übersetzen.
Ich habe nicht das Gefühl, (außer Kriegsvokabeln) etwas dazu zu lernen. Nein, das stimmt nicht. Ich lerne sogar viel!! Über mich, über das Leben, über die Sticheleien, Probleme und Liebschaften der Belegschaft...
- Vertrauen
Ganz am Anfang meiner Arbeit hier habe ich alle Werkbeschreibungen einer Ausstellung ins Deutsche übersetzt. Ich habe mich schon fast gewundert, dass mir (19-jährige Freiwillige, die gebrochen Französisch spricht) diese Aufgabe ohne jegliche Kontrolle oder Skepsis übertragen wurde.
Ich habe genug Schlüssel und Wissen um fast alle Türen des Weltfriedenszetrums zu schließen bzw. zu öffnen und um den Alarm an bzw. aus zustellen und das tue ich auch. Jedes Mal, wenn ich die letzte bin, die geht, denke ich mir: Ohje, du hast bestimmt irgedetwas vergessen und morgen ist das ganze Gebäude mit seinen drei Ausstellungen leergeräumt! Aber ich bin anscheinend die Einzige in der Belegschaft, die sich solche Sorgen macht. Das zeugt von Vertrauen, das gefällt mir, ich denke, das ist wichtig.
- Integration
Im Kindergarten, in der Grundschule, im Gymnasium: Immer war ich von vielen Gleichaltrigen umgeben, die die gleiche Sprache gesprochen haben wie ich. Hier in Verdun gibt es nicht so viele Gleichaltrige, die zudem nicht meine Sprache sprechen oder besser: deren Sprache ich noch nicht so toll beherrsche. Mir fällt es schwer in einer neuen, fremdem Umgebung neue Freundschaften zu knüpfen. Ich habe das Gefühl, man muss sich mehr anstrengen, mehr investieren. Tiefgründige Gespräche sind einfach noch nicht drin!
Und alles dafür, dass man nach einem Jahr wieder verschwindet....
- Dankbarkeit
Liebe Mama, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an dich! Wie hast du es geschafft die Küche sauber zu halten obwohl ich ständig gekocht habe? Immer frische Klamotten lernt man außerdem doch nochmal mehr zu schätzen... ;-)
So! Genug resümiert für einen Tag! Auch wenn das noch lange nicht alles ist...
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