Ganz allein und fern der Heimat
Ich bin auf dem Land allein in einer Dienstwohnung und leide unter Einsamkeit. Was tun? Sehr viele Kontaktmöglichkeiten mit Gleichaltrigen im ländlichen Raum gibt es nicht. Die meisten jungen Leute nämlich zieht es häufig weg vom Dorf zur nächsten Stadt.
cydonna/ photocase.comDraußen nur Landschaft
Da hast Du zunächst ein echtes Problem. Sehr viele Kontaktmöglichkeiten mit Gleichaltrigen im ländlichen Raum gibt es nicht. Die meisten jungen Leute nämlich zieht es häufig weg vom Dorf zur nächsten Stadt, denn nur dort bekommen sie in der Regel die gewünschten Arbeits- und Ausbildungsplätze. Dort bleiben sie dann auch an den freien Wochenenden und in den vorlesungsfreien Zeiten, meist wegen des „attraktiveren“ Kulturprogramms.
Und es kommt noch schlimmer: Der öffentliche Nahverkehr ist schlecht ausgebaut, der letzte Bus fährt um ca. 18:15 Uhr auch am Samstag, das Taxi und ein eigenes Auto kannst du dir sowieso nicht leisten von deinem spärlichen TaschengeldEin freiwilliges Jahr ist kein Arbeitsverhältnis. Deshalb gibt es zum Monatsende auch kein Gehalt auf deinem Konto, sondern Taschengeld, je nach Träger zwischen 150 und 250 Euro. Siehe auch: Verpflegungsgeld, Kleidergeld, Wohngeld, Kindergeld., und zum größten Ärger ist die Geschwindigkeit der Downloadleistungen im ländlichen Internet auch recht dürftig.
Du brauchst also eine völlig andere Strategie im Zusammenleben als die, die du aus der Stadt kennst. Dazu beschreibe ich hier ein paar Möglichkeiten, Menschen kennen zu lernen und die freie Zeit in der Ödnis ansprechend zu gestalten.
- Fernsehen meiden
- Selbst zum kulturellen Zentrum werden
- Sich als Überraschungsgast anbieten
- Ein paar Regeln
- Persönliche Empfehlung des Autors
Meide das Fernsehen wann immer es geht!
Plan A: Du fängst früh an im Freiwilligenjahr - bevor dich die Einsamkeit zu lähmen beginnt - mit der Suche nach Vereinen und Organisationen, die ungefähr auf irgendeiner deiner (verschütteten, privaten) Interessen und Fähigkeiten liegen. Sportvereine, Jugendgruppen, Volkshochschulen, Feuerwehren, Reitschulen und Kirchengemeinden auf dem Land sind froh über jedwedes Halbtalent. Auch wenn manches zunächst ausschaut, als sei es unterhalb deines angestrebten Niveaus, aber diese Gruppen brauchen jeden! Und die ländlichen Organisationen wissen um schlechte Busverbindungen. Sie legen Veranstaltungen in erreichbare Zeitzonen. Sie holen dich ab, weil sie dich brauchen und sie organisieren Fahrgemeinschaften. Diese Leute holen dich in die Gemeinschaft hinein, wenn es sich auch für sie lohnt. Also nicht für deine letzten 9 Wochen oder für drei Mal im Jahr, sondern wenn’s irgendwie geht, als gegenseitiges Win-Win für eine ganze Saison.
Die neuen Partner sind aber auch gewohnt, dass man mal Fahrrad fährt bei schlechtem Wetter und längere Wege zu Fuß geht. Und sie schätzen Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Aus solchen Kontakten sind dann schon mal nette Verbindungen fürs ganze Leben erwachsen, oder erste Plätze in den ewigen Torschützenlisten und persönliche Förderungen für die kommenden Jahre. Das sind zwar Einzelfälle, aber alle sind so schon belegt.
Werde selbst zum kulturellen Zentrum
Plan B: Du bist das attraktive kulturelle Zentrum deines neuen Lebensortes. Du baust ein bestehendes Hobby fett aus, entwickelst ein bisher zurückgestelltes Interesse neu oder dokumentierst die Ergebnisse deiner täglichen Arbeit auf besondere Weise. Und daraus machst du dann Events. Du kannst zum Beispiel regelmäßig kleine Ausstellungen anbieten oder fremde Leute einladen, an der Entstehung deiner (Kunst)Werke Teil zu haben. Das scheint banal zu sein und nach Überschätzung zu klingen. Aber diese eintägigen Events dürfen, ja müssen klein beginnen. (Lady Gaga hat auch so angefangen - ein bisschen verrückt aber eigenkreativ). Da kommen dann bei rechtzeitiger Werbung neben den Leuten, die du dienstlich und privat kennst und schon langfristig zum Kommen nervst, manchmal zwar nur drei oder vier unbekannte Leute. Aber das ist dann schon der Erfolg. Mit diesen Fremden ins ernsthafte Gespräch kommen und über weitere Pläne reden, kann dazu führen, dass sie gute Mundzumundpropaganda machen, ihre Tourismusgäste animieren, sich das auch mal anzuschauen oder dir (nur gut gemeinte) Tipps für das nächste Mal geben. Dann kommen schon fünf und sechs Leute. Werte das Geschehen auch als Interesse an deiner Person. Lasse dich gerne mal einladen, wenn sie dir ihre daraufhin ihre „Werke“ zeigen wollen.
Biete dich als Vorleser oder Überraschungsgast bei Kindergeburtstagen an
Plan C: Wenn deine privaten oder dienstlichen Räume solche kulturellen Events in deinen Räumen nicht zulassen, kannst du dich anbieten als „VorleserIn“, „ErzählerIn“ besonderer Geschichten, oder als „Überraschungsgast“ bei Kindergeburtstagen. Dort solltest du erscheinen mit netten Spielideen oder einem Zauberkunststück und deinem Einrad. Du kannst die besten Ideen der Sonntagsschule deiner heimatlichen Kirchengemeinde in die ländlichen Gemeinden einbringen und dich als „KursleiterIn“ anbieten. Da wird auch gerne das Fahrgeld für dich bezahlt. Einer unserer FÖJFreiwilliges Ökologisches Jahr. Einsatz auf Höfen, in Gärtnereien, Tierparks, Waldkindergärten, Forstwirschaft, usw.. Tätigkeiten: Tierpflege, Pflanzenanbau, Bodenproben, Solaranlagenbau, Büroarbeit, usw.. Anders als das FSJ ist das FÖJ Ländersache.-ler war Marathonläufer. Mit Spezialgebiet in den alten 600m tiefen Bergwerkstollen irgendwo in Thüringen. Der hatte nicht wegen seiner Ausdauer immer ein paar Leute um sich herum (beim Laufen eher immer weniger), sondern weil es für Menschen interessant ist, Geschichten aus anderen Welten zu hören.
Das ist ein guter Ansatzpunkt.
Ein paar Regeln
Hier noch ein paar Regeln, damit die Pläne klappen:
* Sei möglichst viel aktiver Teil des ländlichen Programms statt nur passiver Konsument
* Frage deine dienstliche Umgebung um Rat, aber entwickle etwas „Eigenes“
* Wenn die dienstlichen Aufgaben auch gleichzeitig dein Hobby sind, frage nach Entwicklungsmöglichkeiten und Spezialgebieten, die „dir gehören dürfen“
* Beginne sehr früh in deinem freiwilligen Jahr mit einem der Pläne A bis C
Persönliche Empfehlung des Autors
Der Autor dieses Beitrags, Klaus-Henry Flemming war im Bundesvorstand der Evangelischen Landjugend aktiv. Er empfiehlt daher, sich rechtzeitig nach einem der konfessionellen Landjugendgruppen (KLJB/EJL) umzusehen. Bei starkem Interesse am Thema Landwirtschaft ist der dritte Landjugendverband auch eine gute Wahl.
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