Anwältin der Terroropfer

Etwa 1,7 bis 2,2 Millionen Kambodschaner fielen der Schreckensherschaft der Roten Khmer zum Opfer: Mord, Folter, Verfolgung. Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen kam erst spät in Gang und dauert bis heute an. Seit 2008 ist Silke Studzinsky am Prozess beteiligt.

Silke StudzinskyMichael Lenz

 

Die deutsche Anwältin setzt sich für die Opfer sexueller Verbrechen der Roten Khmer ein - einer nationalistischen Bewegung, die 1975 an die Macht kam. Die Fachkraft der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vertritt die Nebenklage und damit mehr als 200 Opfer von Zwangsheiraten.

 „Es ist das erste Gericht, das über Massenverbrechen urteilt, in dem Opfer eine Rolle als Nebenkläger einnehmen. Das könnte Modellcharakter für andere Tribunale haben“, erklärt Studzinsky. Die GIZ versucht das Tribunal zu stärken und gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Partnern den Versöhnungsprozess zu unterstützen. Neben Fachleuten in Psychologie und Journalismus werden dafür auch Juristen gesucht. So wie Silke Studzinsky. „Ich habe nach einer neuen beruflichen Herausforderung gesucht und fand diese Stelle“, erzählt die Berliner Anwältin, die seit 2008 in Kambodscha arbeitet. Sie arbeitet für die kambodschanische Menschrechtsorganisation ADHOC.  ADHOC berät Menschen über ihre Möglichkeiten,  aktiv am Tribunal teilzunehmen und so einen Beitrag zu Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit zu leisten. Als Nebenkläger oder Zeuge. Es geht um Zwangsarbeit, willkürliche Inhaftierungen und Ermordungen, Folter, Deportationen und die Verfolgung von Angehörigen der Bevölkerung.

Phänomen der massenhaften Zwangsheiraten

Sexualstraftatbestände waren zunächst kein Thema. Doch Silke Studzinsky wurde darauf aufmerksam: „Ich fand einige wenige Studien zu dem Phänomen der massenhaften Zwangsheiraten, wovon laut Schätzungen hunderttausende Frauen und Männer betroffen waren. Dahinter verbergen sich angeordnete Vergewaltigungen durch Dritte. Die landesweit in Gruppenheiraten organisierten Hochzeiten dienten der Bevölkerungspolitik und der Produktion von neuen ‚Kindern der Revolution’.“

 

Silke Studzinsky anlässlich ihrer Vereidigung vor dem Appeal Court in Phnom Penhzivil-friedensdienstVerteidigerin Silke Studzinsky vor dem Appeal Court in Phnom Penh

 

Folterchef verurteilt

Im Herbst 2008 wurden von ihr und Anwaltskollegen die ersten Nebenklageanträge von Zwangsverheirateten eingereicht. Sie haben Erfolg. "Gender-based Crimes’ wird als Straftatbestand in die Verfahren aufgenommen. Im Prozess gegen Kaing Guek Eav, genannt Duch, vertritt Studzinsky als Anwältin der Nebenklage Chum Mey: „Meine Mandantin – eine Frau, die als Mann geboren und als solcher zwangsverheiratet wurde – hat als Transgender schwere sexuelle Gewalt, Diskriminierungen und Misshandlungen erlitten. Ihre Strafanzeige hat auch für andere eine große Bedeutung. Für Transgender, die um Anerkennung ringen und viel sexuelle Gewalt erfahren, ist sie eine Ermutigung, sich zu wehren.“ Der Prozess gegen den berüchtigten Folterchef des Regimes wird abgeschlossen. Im Juli 2010 wird Duch zu 35 Jahren Haft verurteilt.

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