Fredy und Gabriel verweigerten den Kriegsdienst in Kolumbien

Jugendliche zwischen den Fronten

Der Klang der Klarinette und der Rhythmus der Trommeln begleiten die Jugendlichen und ihre Sprechchöre: „Stoppt den Kriegsdienst!“ und „Die Jugend zieht nicht in den Krieg!“ schallte es durch die Straßen und Gassen der 3,5 Millionen-Metropole Medellín, der drittgrößten Stadt Kolumbiens. Die antimilitaristische Demo ist bunt und fast karnevalistisch. Geschminkt und in grellen Kleidern ziehen mehrere Dutzend Aktivisten und Aktivistinnen zum Stadion. Dort warten Tausende junger Männer. Die Armee hat sie dorthin beordert, um sie für den Wehrdienst zu registrieren. Dagegen demonstriert das Jugendnetzwerk Red Juvenil und wirbt für die Kriegsdienstverweigerung.

 

In Kolumbien herrscht Wehrpflicht. In einem Land, in dem seit über 40 Jahren ein ständiger Krieg zwischen Staat und Guerilla-Gruppen tobt, folgt auf die Grundausbildung in der Armee oft schnell der blutige Einsatz an der „Front“. Seit 17 Jahren kämpft das Red Juvenil für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und...

Der Klang der Klarinette und der Rhythmus der Trommeln begleiten die Jugendlichen und ihre Sprechchöre: „Stoppt den Kriegsdienst!“ und „Die Jugend zieht nicht in den Krieg!“ schallte es durch die Straßen und Gassen der 3,5 Millionen-Metropole Medellín, der drittgrößten Stadt Kolumbiens. Die antimilitaristische Demo ist bunt und fast karnevalistisch. Geschminkt und in grellen Kleidern ziehen mehrere Dutzend Aktivisten und Aktivistinnen zum Stadion. Dort warten Tausende junger Männer. Die Armee hat sie dorthin beordert, um sie für den Wehrdienst zu registrieren. Dagegen demonstriert das Jugendnetzwerk Red Juvenil und wirbt für die Kriegsdienstverweigerung.

 

In Kolumbien herrscht Wehrpflicht. In einem Land, in dem seit über 40 Jahren ein ständiger Krieg zwischen Staat und Guerilla-Gruppen tobt, folgt auf die Grundausbildung in der Armee oft schnell der blutige Einsatz an der „Front“. Seit 17 Jahren kämpft das Red Juvenil für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und für eine friedliche Lösung des bewaffneten Konflikts.

 

Auch Alejandra ist dabei – sie ist nicht die einzige junge Frau bei den Protesten. „Niemand traut sich zu sagen, dass wir uns in einem Krieg befinden. Und in diesem unerklärten Krieg werden die Jugendlichen weiterhin als Kanonenfutter geopfert. Wir sind die Manövriermasse derer, die die Macht des Geldes besitzen. „

 

Kolumbiens langer blutiger Konflikt

 

Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien ist der längste und blutigste der jüngeren Geschichte Lateinamerikas. Tausende fallen ihm jedes Jahr zum Opfer. Die Zivilbevölkerung – insbesondere auf dem Land – leidet am meistern; mehr als vier Millionen Menschen wurden in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu Flüchtlingen im eigenen Land. Entwurzelt leben sie meist in den Slums der Großstädte.

 

Der historisch gewachsene Konflikt hat seit eh und je die gleiche Ursache. Eine Gesellschaft wird von einer kleinen Elite regiert, die alle Macht, die Medien und den Reichtum in den Händen hält. Dagegen kämpfen linke Guerillagruppen, die jedoch wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen.

 

Ein Viertel der Kämpfer: Kindersoldaten

 

Die offiziellen Streitkräfte des Staates – Militär und Polizei – sind in den vergangenen Jahren unter dem rechtsextremen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez auf eine Stärke von über 420.000 Mann angewachsen. Die illegalen rechten Paramilitärs, geduldet und gefördert von Armee und Regierung, sind für rund 70 Prozent aller Gräueltaten verantwortlich. In den 1960er Jahren entstanden sie als Teil einer in den USA entwickelten Aufstandesbekämpfungsstrategie. Die Opfer ihres Terrors – meist Oppositionelle und Zivilisten – werden auf bestialische Art gefoltert und ermordet.

 

Alle illegalen Truppen – rechts wie links – rekrutieren Minderjährige. Auf über 11.000 schätzt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Zahl der Kindersoldaten im Jahr 2003. Das ist rund ein Viertel aller Kämpfer. Die Paramiltärs zahlen sogar einen Sold, eine attraktive „Beschäftigung“ in einem Land ohne Arbeit und Perspektive.

 

„Libretta Miliar“ – Freikauf vom Kriegsdienst

 

Regulär rekrutiert die Armee an festen Terminen im Jahr. Dann werden Tausende junger Männer auf ihre Tauglichkeit untersucht. Von den Tauglichen werden zuerst die Freiwilligen genommen und dann der fehlende Bedarf über ein Losverfahren gedeckt. Wer dabei ausscheidet, muss nicht mehr zum Militär. Er msus aber eine einkommensabhängige Ablösesumme an das Militär bezahlen. Er kauft die sogenannte „Libretta Militar“. Nur wer untauglich ist, bekommt diese Bescheinigung kostenlos.

 

„Als Kriegsdienstverweigerer zahle ich die Libreta natürlich nicht, denn es ist eine Kriegssteuer, un dich will den Krieg nicht finanzieren“, sagt der 26-jährige Wirtschaftsstudent Fredy. Doch wer keine „Libreta“ besitzt, kann zwar studieren, wird aber nicht zu den Abschlussprüfungen zugelassen. „Deine Zukunft ist Dir damit verbaut“, klagen seine Eltern. Auch bei Stellenbewerbungen wird die Libreta fast immer gefordert, nicht nur im öffentlichen Dienst.

 

„Batidas“ – Razzien des Militärs

 

Immer wenn dem Militär zwischen den regulären Rekrutierungsterminen das „Kanonenfutter“ ausgeht, greift es auf sogenannte „Batidas“ zurück: Das Militär macht Jagd auf junge Männer – in den Armenvierteln, an den Unis und auf öffentlichen Plätzen.

 

„Es begann mit einem Anruf abends um sieben Uhr. Meine Mutter warnte mich, dass sie wieder mit den Rekrutierungen begonnen hätten“, erzählt Gabriel. „Das Militär hätte schon einige Jugendliche auf den Laster gezerrt. Als einer der Jugendlichen vom Laster sprang, sei er von den Soldaten wieder eingefangen, geschlagen und beschimpft worden, so erzählte meine Mutter. Ich beruhigte sie, dass ich nach der Arbeit um neun gleich mit dem Fahrrad nach Hause fahren werde.“

 

„Wenn ihr abhaut, hagelt es Blei“

 

Dorthin gelangte er nicht mehr. Als ich schon ein Stück gefahren war, kamen mehrere Motorräder und hätten mich beinahe zu Fall gebracht. Sie fragten mich gleich nach der Libreta Militar. Ich studiere noch und habe keine Geld, eine Libreta zu kaufen, sagte er. Das Studium interessiere sie nicht, erklärten die Militärs. Sie drohten, ihn in Handschellen zu legen und nahmen ihn einfach mit.

 

Als der Laster voll mit Jugendlichen war, fuhren sie in die Kaserne. Dort sperrten die Militärs alle eingesammelten Jugendlichen ein, schikanierten sie und schüchterten sie ein. „Wenn ihr versucht abzuhauen, hagelt es Blei“, drohten die Militärs.

 

„Einen Jungen hatten sie aus einem Haus herausgeholt, obwohl sie wussten, dass er alleine für seine alte Großmutter sorgt“, erzählt Gabriel. „Das fand ich besonders ungerecht.“

 

Red Juvenil half Gabriel, wieder freizukommen

 

Gabriel hatte Glück. Nicht nur seine Familie setzte sich für ihn ein. Auch die Gruppe „Das fünfte Gebot“ und das „Red Juvenil“ haben ihn beraten und ermutigt. „Ich wusste genau, was ich sagen musste, als ich zur Psychologin gebracht wurde. Ich sagte, dass ich noch studiere. Außerdem zeigte ich den Nachweis, dass wir Vertriebene sind. Ich wusste, dass dies dagegen sprach, mich zum Kriegsdienst einzuziehen. Und ich erklärte, dass ich außerdem keine Waffe in die Hand nehmen werde.“

 

Gabriel kam wieder frei. Seine Zurückstellungsgründe wurden akzeptiert. Und ganz offensichtlich half der öffentliche Druck des Red Juvenil und anderer antimilitaristischer Gruppen. Auch in anderen Fällen zog es die Armee vor, Kriegsdienstverweigerer laufen zu lassen, als zu viel Unruhe in der Truppe und der Öffentlichkeit zu provozieren. Manche Verweigerer bleiben jedoch über Monate in den Kasernen eingesperrt, bis sie endlich entlassen wurden.

 

„Es ist erschreckend“, sagt Fredy, der 26-jährige Wirtschaftsstudent. „Oft werden Jugendliche aus der Ausbildung oder dem Studium gerissen. Selbst junge Väter, die ihre Familie versorgen müssen, werden rekrutiert, obwohl sie eigentlich gar nicht zum Militär müssten. Das Red Juvenil hat durch Aktionen und Gerichtsverfahren Einzelnen helfen können, das ist jedoch sehr wenig, gemessen an der hohen Zahl der bei Razzien Eingefangenen.

 

Gewaltfrei, nicht zahm

 

Auf ihre Aktionen bereiten die Mitglieder und Freunde des Red Juvenil in Seminaren und Workshops über zivilen Ungehorsam vor. Die Methode der „aktiven Gewaltfreiheit“ orientiert sich an den Prinzipien Mahatma Gandhis. Die kreativen Formen des gewaltfreien Widerstands sind bestechend und attraktiv zugleich. Sie irritieren und provozieren zum Nachdenken.

 

Nicht nur gegen den Militärdienst, auch gegen die soziale Ungerechtigkeit engagieren sich die Jugendlichen vom Red Juvenil. Den neoliberalen Kapitalismus, die extremen sozialen Unterschiede und die Armut sehen sie als die Hauptursachen für den bewaffneten Konflikt. 41 Prozent der Bevölkerung haben nicht genug zu essen, und mindestens 20 Prozent der Kinder sind unterernährt. Oft fehlt das Nötigste für ein würdiges Leben. In den Armenvierteln engagiert sich das Red Juvenil daher in der Kampagne für eine bezahlbare Versorgung mit Wasser, Strom und Telefon.

 

Weitere Artikel

Deine Möglichlickeiten

Du kannst die Seite mitgestalten, Fragen stellen oder Bilder uploaden